Interview mit Prof. Nixdorf

НиксдорфMit welcher Motivation haben Sie das Medizinstudium begonnen und wie sieht der Alltag als Arzt für Sie heute aus? Was macht Ihnen am meisten Spass?

Für das eigene Glück und das seiner Umwelt ist ein möglichst sozialer Leben notwendig. Ideal ist es, wenn man Kenntnisse und Fähigkeiten mit seinem Kopf erwirbt, die man mit seinem Herzen an die Menschen weiter geben kann. Von daher ist Medizin schon eine Art von Berufung, also mehr als irgendein Beruf. Mit dieser Einstellung hat mich persönlich der klinische Alltag i.R. meiner Hochschullaufbahn befriedigt, da zwar technisch meist erfolgreich therapeutische Proceduren wie etwas eine Stent-Implantation in die Koronararterien erfolgt, aber die eigentlichen Ursachen wie ungesundes Leben nicht kritisch und dem Patienten hingewendet aufgegriffen wurden. Diese unbefriedigende Reparaturmedizin hat mich zur Präventionsmedizin gebracht, mit der ich mich heute klinisch und wissenschaftliche intensive beschäftige. Nur einmal als Beispiel der Potenziale: Wir wissen durch große Studien wie die INTERHEART-Studie, dass wir prinzipiell 80 – 90% der Herzinfarkt vermeiden könnten. Diese Potenziale werden in den herkömmlichen Kliniken nicht genutzt.

Sie sind viel in der Welt herumgekommen: Frankfurt, München, Johannesburg, Dallas und Chicago, um nur einige Stationen Ihrer Aus- und Weiterbildung zu nennen. Wie unterscheidet sich die medizinische Arbeit in den verschiedenen Ländern?

Die Evidenz-basierte kurative Medizin unterscheidet sich kaum in den Industrieländern. In Europa sind wir mit der European Association of Cardiovascular Prevention and Rehabilitation (EACPR), eine Assoziation der European Society of Cardiology (ESC) vielleicht auf den Prinzipen der Evidenz-basierten Medizin am Weitesten in der Konzeptualisierung der Präventionsmedizin. Auf dem Boden dieser wissenschaftlich fundierten Medizin meine ich aber auch, dass wir uns fernöstlichen Vorstellungen der Medizin des Ayurveda, Traditioniellen Chinesischen Medizin oder auch den vielen Facetten der Naturheilkunde ruhig offen zuwenden dürfen, um die Prävention mit allen Möglichkeiten zu gestalten.

Sie haben auch bestimmt viel Austausch mit Ihren ausländischen Kollegen. Haben Sie irgendwelche andere, sprich nicht traditionelle Therapiemethoden kennen gelernt? Konnten Sie diese bei Ihrer Arbeit als Arzt übernehmen?

Hierauf bin ich bereits bei Frage 2 etwas eingegangen. Ich habe das Buch „Check-Up-Medizin. Prävention von Krankheiten – Evidenzbasierte Empfehlungen für die Praxis“, im Thieme-Verlag erschienen, geschrieben. Die Basis ist schulmedizinisch, mit vielen Autoren der großen medizinischen Fachgebiete wie Kardiologie, Neurologie, Orthopädie etc. habe ich eine Grundlage erstellt. Hier herrscht die Pathogenese vor, also die Krankheitslehre. Aber das Buch geht dann weiter und reflektiert auch die Gesundheitsaspekte wie Fitness, Ernährung und Entspannung, hier wird auch auf die Salutogenese, also Gesundheitslehre, abgestellt.

Wie sehen Sie denn die weltweite Möglichkeiten zur Fort- und Weiterbildung in Ihrem Fachbereich? An welchen Projekten arbeiten Sie momentan?

Da die Präventionsmedizin noch nicht curricularer Bestandteil des konventionellen Studiums der Humanmedizin ist, weiterhin auch noch nicht die offizielle Facharztbezeichung Präventionsmedizin existiert, bin ich auf verschiedenen Ebenen in der Edukation, also Ärztefortbildung tätig. Wichtig war meine jahrelange Dozententätigkeit an der Dresden International University (DIU), wo man berufsbegleitend den Master of the Science in Preventive Medicine studieren kann. Ich haben den Studiengang über 2 Jahre mit anderen Professoren geleitet. Weiterhin halte ich viele Vorträge, z.T. innerhalb von anderen Zertifikationskonzepten wie etwas dem Kardiovaskulären Präventivmediziner der Deutschen Gesellschaft für Kardiovaskuläre Prävention und Rehabilitation (DGPR) oder dem Präventionsmediziner der GSAAM (German Society of Anti-Aging Medicine).

Sie sind der Gründer und Leiter von European Prevention Center (EPC). Welche Leistungen bieten Sie im Rahmen des Check Up Programms und wie unterscheiden sie sich von anderen Vorsorgeuntersuchungen?

Das European Prevention Center habe ich 2005 gegründet und wurde ab 2007 aktiv. Es ist in Düsseldorf lokalisiert, aber es gibt Dependancen in Berlin und München. Das Besondere ist, das nicht einfach irgendwelche Untersuchungen nach Giesskannenprinzip durchgeführt werden, sondern dass nur evidente, moderne Techniken in Ablaufplänen (Algorithmen) je nach individueller Indikation appliziert werden. Die Untersuchungstiefe ist hoch, etwa mit der Ganzkörper-Magnetresonanztomographie oder der Herz-Computertomographie. Neue Biomarker werden verwendet, die z.B. anzeigen können, ob erste Gefäßwandveränderungen entzündlich und damit vulnerabel sind, also aufbrechen können um so einen Herzinfarkt zu verursachen. Auch der Brückenschlag von der High-Tech-Diagnostik zur differenzierten Lebensstilberatung, in der wir immer auf alle 3 Säulen eingehen, also Bewegung, Ernährung und Entspannung, einmal die Suchtprobleme wie Nikotinabusus außen vor gelassen. In dieser Weise erhält der Kunde ein Maximum an Lebensgewinn durch Krankheitsvermeidung, wir sprechen auch von Morbiditätskompression. Professionelle Präventionsmedizin ist nicht nur negative Ausschlussdiagnostik, sondern auch positive Lebensstilberatung.

Geht es bei der Vorsorgemedizin primär darum, Krankheiten frühzeitig zu erkennen, oder auch darum, diese ganz zu vermeiden? Wann ist eine Vorsorgeuntersuchung sinnvoll?

Selbstverständlich ist das vornehme Ziel, Krankheit ganz zu vermeiden. Daher haben wir als Grundlage immer einer sogenannte Risikofaktorenstratifikation. Bevor wir mit den aufwendigen Untersuchungstechniken anfangen, werden akribisch alle Risikofaktoren gesammelt, viele durch eine sorgfältige Anamnese. Ich will ein Beispiel gehen: Die sorgfältige Erfragung der Familienanamnese, also ob die Eltern bis zum Alter von 65 Jahren bei der Mutter oder 55 Jahren beim Vater einen Herzinfarkt hatten, hat höchste Evidenz in den Leitlinien, damit hat der Betreffende eine eindeutige familiäre Disposition. Z.T. helfen wir bei unklaren Fällen auch mit genanalytischen Tests nach. Aber auch die ersten Veränderung der Arterien, Plaques, also Verdickungen und Verkalkungen sind relevant. Diese spürt der Betreffende noch nicht, können aber plötzlich aufbrechen, eine Gerinnsel in der Arterie induzieren und plötzlich ist der Infarkt da, der auch heute immer noch in 50% nicht überlebt wird. Ich sage – etwas das Auditorium schockierend, damit sie für die Prävention wach werden – das erste Symptom ist nicht selten der Tod. Also warum warten und sich nicht der medizinischen Vorsorge anvertrauen?

Sie behandeln nicht nur deutsche, sondern auch ausländische Patienten. Wie sind Ihre Erfahrungen mit ausländischen Patienten und was sind die Besonderheiten, bzw. Herausforderungen dabei?

Ja, wir haben viele ausländische Kunden und Patienten, die meisten sicherlich aus Russland. Hier hat der Dolmetscher eine besonders wichtige Aufgabe, denn die Präventionsmedizin, wie wir sie betreiben, ist eine dialogische und individualisierte resp. personalisierte Medizin. Dies fängt mit der o.g. sorgfältigen Anamnese an und hört mit einer ausführlichen Beratung zum Lebensstil auf. Wenn man hier den Patienten erreichen will, ist eine gewisse Empathie, Anteilnahme, generell eine Philanthropie notwendig, die im Idealfall ein Dolmetscher mit transportiert. Er muss sich an den Präventionsarzt sensibel anlehnen, damit er diesen wirklich auf den Patienten transportieren kann. Es ist mehr als eine rein sprachliche Übersetzungsarbeit, etwa wie man einen Text am Bildschirm übersetzt. Schließlich müssen die kulturellen Eigenarten bekannt oder eruiert werden, damit Lebensstilempfehlungen auch sinnvoll und anwendungsgerecht sind.

Herr Prof. Nixdorff, Sie sind Kardiologe mit Zusatzbezeichnung „Sportmedizin“ – was genau steckt hinter dieser Bezeichnung und warum haben Sie sich für diese Zusatzausbildung entschieden?

Sie müssen wissen, dass wir heute recht gute wissenschaftliche Daten dazu haben, welches Lebensverhalten wirklich und am Meisten prognostisch relevant ist, auch wenn diese Daten in der herkömmlichen Medizin kaum gewürdigt werden. Und dazu ist bekannt, dass die körperliche Bewegung die wichtigste Bedeutung für ein möglichst langes und gesundes Leben, ohne Herzinfarkt oder Schlaganfälle hat, auch ohne orthopädische Limitationen. So wie die Lateiner schon sagten „Mens sana in corpore sano est“; ein gesunder Geist sein in einem gesunden Körper. Auch persönlich macht mir Bewegung sehr viel Freude, man ist einfach ein bewegterer, glücklicherer Mensch. Ich jogge, betreibe regelmäßig Krafttraining, liebe sehr das Wandern, Bergklettern in den Alpen, fahre gerne Mountainbike, mit dem es Spaß macht, über Stock und Stein zu springen. Aus meiner eigenen Begeisterung und der wissenschaftlichen Kenntnis der Bedeutung gelingt es mir immer wieder, Menschen, die zuvor kaum bewegt waren, zur Bewegung zu motivieren. Oft sind mir diese dann, wenn sie das Lebensgefühl dann einmal spüren, sehr dankbar.

Gibt es auch im Bereich der Sportmedizin Präventionsmaßnahmen? Welche sind diese?

Sport ist Prävention, zumindest der moderate Ausdauer- und in einem guten Verhältnis Kraftsport. Ich gebe einmal ein grobe, anzustrebende „Rezeptur“, die natürlich i.R. des Check-Ups individualisiert werden muss: Täglich ca. ½ Stunde einen fast zum Schwitzen bringende Ausdauersportart wie Joggen, Schwimmen, Fahrradfahren; in Ergänzung dazu 2 x/Woche Kraftsport an Geräten oder Workouts auf einer Isomatte auf dem Wohnzimmerboden zu Hause; günstig unter der Supervision eines Personal Trainers.

Was machen Sie gerne in Ihrer Freizeit? Als Sportmediziner und Physical Fitness Specialist welche Einstellung haben Sie selbst zum Sport, körperlicher Aktivität und Ernährung?

Dem bin ich jetzt in meiner engagierten Beantwortung der zuvor gestellten Fragen schon zuvor gekommen. Ich habe bereits meine sportliche Begeisterung vor allen Dingen im outdoor-Bereich dargestellt. Sehr gerne genieße ich auch ein sehr gutes Essen, was durchaus gesund zusammengestellt sein kann wie etwa ein Thunfischsteak oder Lachs mit Salat oder Gemüse. Ich bin ein begeisterter Weinfreund und genieße gerne gute, schwere , in Barrique ausgebaute Rotweine, die eindeutig aufgrund des Alkohol selbst, aber auch der Flavanoide atheroskleroseprophylaktisch wirken. Eine große Metanalyse hat gezeigt, dass regelmäßiger, moderater Alkoholgenuss die Herzinfarktrate um 25% senken kann. Und ganz zum Schluss die Würze des Lebens: Die beglückenden menschlichen Beziehungen zu lieben Menschen, Leben ist Liebe; ob das die erotische ist, oder die zu seinen Kindern oder Eltern oder auch aus sozialem Empfinden zu schwächeren Menschen. Wenn es einem dann noch vergönnt ist, in einer Religion zu glauben, wissen wir heute auch, dass dies präventiv wirksam ist. Liebende und gläubige Menschen haben eine höhere Lebenserwartung.

Sehr gerne habe ich Ihnen diese Interview gegeben!